Wenn die Blase nicht mehr dicht ist

Vorschau auf öffentlichen Vortrag am 24.05.

18.05.2017

Kennen Sie das unangenehme Gefühl, ständig zur Toilette zu müssen? Oder die Angst, in ganz alltäglichen Situationen wie beim Husten, Lachen oder Treppensteigen ungewollt Urin zu verlieren? Dann kann es sein, dass Sie an einer Blasenschwäche leiden. Im Interview erklärt Alexandra Kern, Leitende Ärztin Frauenklinik am Spital Uster, mögliche Ursachen und Behandlungsformen.

Ob Jung oder Alt – Blasenschwäche kann in jedem Alter auftreten. Was sind mögliche Ursachen?

Eine Schwächung des Beckenbodens nach Schwangerschaft und Geburt, aber auch generell das Älterwerden können zu einer Blasenschwäche führen. Die Harnröhre verschliesst nur noch ungenügend, sodass man beim Husten, Lachen oder Niesen ungewollt Urin verliert. Bei einigen Frauen liegt dem Problem aber auch ein falsches Verhalten im Alltag zugrunde. Sie gehen ständig auf die Toilette oder trinken zu wenig.

Wie kann Frau vorbeugen?

Nach Schwangerschaft und Geburt ist ein Beckenbodentraining wichtig. Zudem immer genügend trinken – mindestens 1½ bis 2 Liter pro Tag – und sich keine schlechten Gewohnheiten aneignen, wie zum Beispiel beim ersten Harndrang gleich die nächste Toilette aufzusuchen und so die «Blase zu verwöhnen». Zusätzlich hilft sicher eine Gewichtsreduktion bei übergewichtigen Frauen.

Wann ist es Zeit, zum Arzt zu gehen?

Spätestens dann, wenn der Gedanke an die nächste Toilette den Alltag bestimmt und die Lebensqualität leidet. Ganz sicher einen Arzt aufsuchen sollten Frauen bei ungewolltem Urinverlust und bei Anzeichen einer Blasenentzündung wie Bauchschmerzen, Brennen beim Wasserlösen, häufigen kleinen Urinportionen oder Blut im Urin.

Wie wird eine Blasenschwäche abgeklärt?

In einem ersten Schritt erfolgt eine umfassende gynäkologische Untersuchung, eine sogenannte Basisabklärung. Wenn die Beschwerden nach erster Therapie weiterhin bestehen, wird eine urodynamische Untersuchung durchgeführt. Hier wird der Druck in Harnröhre und Blase gemessen, was dabei hilft, die Ursache der Blasenschwäche zu erkennen und diese zu behandeln.

Muss immer gleich operiert werden, oder gibt es Alternativen?

Wenn die Harnröhre nicht richtig schliesst, hilft häufig eine sogenannte Schlingenoperation wie TVT (Tension Free Vaginal Tape) oder TVT-O (Tension Free Vaginal Tape Obturator). Für mich gilt jedoch der Grundsatz, wenn immer möglich die Beschwerden ohne Operation zu lindern. Mit einem Beckenboden-training unter Anleitungeiner speziell dafür ausgebildeten Physiotherapeutin haben wir eine sehr gute Behandlungsmöglichkeit. Bei anderen Frauen hingegen helfen Tabletten, die Kontrolle über den Harndrang zu verbessern. Erst wenn diese Formen der Behandlung erfolglos sind, muss mit der Patientin individuell die richtige operative Therapie gewählt werden.

Welche Tipps können Sie geben?

Ungewollter Urinverlust ist nach wie vor ein Thema, über das viele Frauen nicht gerne sprechen und bei dem sie sich schämen. Ich empfehle allen, beim Hausarzt oder bei der Frauenärztin das Problem anzusprechen. Das ist immer der erste Schritt, um die Blasenschwäche zu behandeln und die Lebensqualität wesentlich zu verbessern.